79567981 Nours Weg nach Bochum – here in Bochum

Nours Weg nach Bochum

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Fünf Versuche mit dem Boot über das Mittelmeer zu kommen

– eine Story von Nour


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Nour Abdalkhalek ist alleinerziehend und mit ihren beiden Kindern aus Syrien geflohen


Ich heiße Nour, bin 28 Jahre alt und komme aus Syrien. Ende 2015 bin ich nach Deutschland gekommen und lebe seit März letzten Jahres in Bochum. Ich bin geschieden und habe zwei Kinder. Als alleinerziehende Mutter hatte ich viele Schwierigkeiten in Syrien. Damit meine Kinder in Sicherheit aufwachsen können, war ich gezwungen, meine Heimat zu verlassen. Das war gefährlich mit zwei Kindern. Bei uns in Syrien spricht man von der „Todesroute“ (wörtlich übersetzt „Todesreise“), wenn sich Geflüchtete auf den Weg nach Europa machen. Überall kann man sterben: auf dem Meer, in den Bergen, auf der Ladefläche eines Lasters. Ich wusste das, aber ich hatte keine Wahl.

Meine Tochter war damals fünf Jahre alt, mein Sohn sieben. Unser erstes Ziel war die Türkei, um von da aus nach Deutschland zu kommen. Ich wollte dorthin fliegen, aber es gab keine Flugverbindungen von Syrien aus aufgrund eines Finanzembargos. Deshalb sind wir mit dem Auto zuerst in den Libanon gefahren, dann weiter nach Izmir in die Türkei geflogen. Es war schwierig dort, weil ich kein türkisch spreche und nur wenige Türken dort englisch.

Von Izmir aus wollten wir mit dem Boot weiter nach Griechenland. Dreimal haben wir es versucht. Beim ersten Mal ist das Boot untergegangen, weil ein Loch darin war. Mein Sohn konnte schon schwimmen, meine Tochter nicht. Aber dank der Schwimmwesten ging alles gut. Beim zweiten Mal hat uns die türkische Polizei am Strand festgenommen. Alle Geflüchteten mussten ein Papier unterschreiben, dass sie nicht noch einmal versuchen würden, die Türkei zu verlassen. Diejenigen, die sich weigerten, dass Papier zu unterschreiben, wurden in ein Flüchtlingscamp abgeschoben. Ich habe das zwar unterschrieben, aber ich wollte unbedingt nach Deutschland. Beim dritten Mal mussten wir uns lange ohne Essen in den Bergen verstecken und auch dort schlafen, weil die Polizei das Boot beschlagnahmte und wir auf ein anderes 16 Stunden warten mussten. Das Essen für meine Kinder ging mir dabei aus und ich beschloß nach Istanbul zu fahren um von dort aus mein Glück zu versuchen.

Beim vierten Versuch, mit dem Boot über das Mittelmeer zu kommen, waren wir schon drei Stunden auf dem Meer, als plötzlich der Bootsmotor ausfiel. Wir trieben zwei Stunden lang auf dem Meer, als zufällig ein türkisches Fischerboot vorbeikam und uns in die Türkei zurückbrachte. Beim fünften Mal haben wir es dann geschafft Griechenland zu erreichen. Von dort aus haben wir versucht, irgendwie einen Weg nach Deutschland zu finden. Erst sind wir mit dem Bus nach Mazedonien gefahren, dann mit dem Zug nach Serbien. Von dort sind wir gelaufen: von Serbien nach Kroatien, von Kroatien nach Ungarn, von Ungarn nach Österreich, von Österreich nach Deutschland. Unser Weg von Syrien nach Deutschland hat insgesamt 17 Tage gedauert. Ich habe nächtelang nicht geschlafen, weil ich Angst um meine Kinder hatte. In Österreich und Deutschland sind wir zum ersten Mal nett behandelt worden und meine Kinder mussten keine Angst vor der Polizei haben.

Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich in Deutschland bin. Ich lebe sehr gern in Bochum. Ich fühle mich hier so wohl wie früher in Damaskus. Meine Kinder sind hier sicher. Meine Tochter geht in den Kindergarten und mein Sohn in die Schule. Ich lerne jeden Tag viele Stunden deutsch und will so schnell wie möglich arbeiten.

An der Universität Damaskus habe ich Anglistik studiert und in einem Übersetzungsbüro als Dolmetscherin gearbeitet. Hier in Deutschland möchte ich eine Ausbildung machen. Ich habe den Ehrgeiz, den Willen und das Selbstvertrauen, mir und meinen Kindern hier ein neues Leben aufzubauen.