79567981 Meine Erfahrung – Nour in Ostdeutschland – here in Bochum

Meine Erfahrung – Nour in Ostdeutschland

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Neue Freunde, neues Wissen, neue Ziele
Februar 25, 2018
 

„An meinem 42. Tag im Osten fing mein helles Bild von Deutschland an zu bröckeln“

Nours erste Wochen in ihrer neuen Heimat waren geprägt von Ablehnung und Hass

– ein Text von Nour

Als ich mit meinen beiden Kindern nach Deutschland kam, lebte ich einen Monat im einem Camp in Ostdeutschland. Dort habe ich den Menschen bei Übersetzungen geholfen, weil ich sehr gut Englisch spreche und die meisten Helfer im Camp auch, was mich sehr glücklich gemacht hat.

26 Jahre habe ich in Damaskus gelebt. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe dort studiert. Aber manchmal war ich schockiert über die Syrer, die aus sehr kleinen Dörfern stammten, deren Namen ich nie vorher gehört hatte: Ihre verknöcherten Weltanschauungen waren für mich nur schwer zu ertragen. Jetzt begegnete ich solchen Menschen im Camp in Deutschland. Ich werde nie vergessen, wie mich ein etwa 60-jähriger Mann, der dreizehn Kinder hatte, fragte, ob ich ihm beim Übersetzen helfen könnte. Aus seiner Tasche zog er ein Papier und sagte: „Sie wollen, dass meine Tochter zur Schule geht. Sie ist neun Jahre alt. Aber das ist verboten. Meine Tochter muss zu Hause bleiben!“ Ich war schockiert und sagte ihm: „Weißt du, wenn ich das übersetzen würde, wie du es sagst, dann bekommst du große Probleme. Wenn du das Gefühl hast, dass du das Gesetz hier nicht akzeptieren kannst, dann darfst du in dein entlegenes Dorf nach Syrien zurückkehren und dort bleiben.“ Mir ist sofort in den Sinn gekommen, wie viele studierte Menschen, wie Ärzte und Ingenieure, wie viele Intellektuelle es in Syrien gibt. Aber diese Leute aus den entlegenen Dörfern mit dieser überholten Weltanschauung verzerren das Bild der jungen Syrer und Syrerinnen in Europa.

Auf der anderes Seite: Das Bild, das ich von Europa und Deutschland habe, ist hell und freundlich. Hier werden Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Demokratie und die Rechte der Frauen und Kinder gewahrt. Ich hatte ein helles Bild dieser Gemeinschaft. Aber an meinem 42. Tag in Ostdeutschland fing es an zu bröckeln. Da habe ich den Widerwillen der deutschen Behörden zu spüren bekommen, mit mir Englisch zu sprechen, da ich ja noch kein Deutsch konnte. Ja, ich weiß, dass ich in Deutschland bin, und ich will die Sprache so schnell wie möglich lernen, aber ich bin gerade vor einem Monat angekommen!!! Wie sollte ich mich so schnell auf Deutsch verständigen?

Als ich mit meinen Kindern aus dem Camp in eine Wohngemeinschaft umzog, zog ich mit einer Syrerin zusammen, die auch alleinerziehende Mutter von zwei Kindern war. Wir freundeten uns an. Die Sozialarbeiterin, deren Aufgabe die Unterbringung der Flüchtlinge war, zwang uns, nach kurzer Zeit umzuziehen. Wir waren bis dahin in einem Camp untergebracht und plötzlich musste ich in ein Heim in einem zwölf Kilometer entfernten Dorf ziehen, wo es nicht einmal einen Supermarkt gab. Die Sozialarbeiterin entschied über uns per Zufallsprinzip. Sie zwang uns, das Formular zu unterzeichnen, und drohte uns damit, dass wir sonst auf der Straße schlafen müssten – es war November – und wieder nach Syrien geschickt würden. Das hat mich tief schockiert. Ist es zu glauben, dass man in Deutschland unter Androhung Dinge unterschreiben muss? Ich bin hierher gekommen, um in einer Demokratie zu leben und sie hat uns gezwungen, in einem Dorf zu wohnen, wo es keinen Bahnhof gab, lediglich einen Bus, der zweimal am Tag fuhr, um 7 und 16 Uhr.

Die dort lebenden Menschen konnten mit ihren Autos in den fünf Kilometer entfernten Supermarkt fahren. Es war Winter und eiskalt. Es schneite und wir mussten mit Fahrrädern zum Einkaufen fahren. Die Dorfbewohner hatten in ihren Herzen Angst vor uns Fremden. Ich grüßte sie, aber sie reagierten befremdlich und einige von ihnen waren uns sogar feindlich gesonnen. Schließlich entschied ich mich, zu vereinsamen und nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Ich saß nur da und wartete auf die Aufenthaltsgenehmigung.

Ich kann den Abend nicht vergessen, an dem wir in der Wohngemeinschaft aufgenommen wurden: Es stellte sich überraschend heraus, dass die Sachbearbeiterin unser Bettzeug verloren hatte und wir weder Kissen noch Decke für die Kinder, geschweige denn für uns hatten. Als ich sie dazu befragte, sagte sie nur, es läge nichts in ihrem Auto, und sie kann uns auch keinen Ersatz beschaffen.

Einmal, während meine Kinder mit anderen Kindern vor der Tür des Heims spielten, fuhren zwei junge Männer in einem blauen Auto an ihnen vorbei und als sie auf der Höhe der Kinder waren, beschleunigten sie so sehr, dass sie die Tochter meiner Freundin fast überfahren hätten. Das Mädchen fiel vor Schreck hin und brach sich die Hand. Währenddessen sind die beiden jungen Männer geflohen. Eines Nachts hörten wir eine Explosion, die die Menschen des Heims in blanke Panik versetzte. In den Herzen meiner, aber auch in denen der anderen Kinder, kehrte die Angst des unlängst erlebten Krieges schlagartig wieder zurück. Sie schrien und wir wussten nicht, was wir tun sollten oder wohin wir gehen sollten, um uns in Sicherheit zu bringen. Vermutlich brachten Unbekannte die Briefkästen des Heims mit Böllern zum explodieren und flohen. Eigentlich fingen wir gerade an, die Tage des Krieges zu vergessen. Ich hoffte, dass meine Kinder gerade begannen zu vergessen, dass die Wunde verheilte. Aber anscheinend heilte sie nicht, sondern begann wieder zu bluten.

Von Syrien aus betrachtet, war Deutschland für mich immer das Land, in dem die Menschen mitmenschlich miteinander und mit Fremden umgehen. Ich dachte, hier wird jedem geholfen. Aber die Erfahrungen, die ich in Ostdeutschland machte, trübten dieses Bild schnell. Dann habe ich beschlossen, meinen Traum und meine Kinder zu verteidigen und dafür zu kämpfen. Ich bat um einen Termin beim Direktor des Heims. Ich erzählte ihm alles, was passiert war und wie es dazu kam, dass wir in diesem Dorf gelandet sind. Ich zeigte ihm alle medizinischen Befunde, die bewiesen, dass ich eine Operation eines Rückenmarks-Tumors in Syrien hatte und nicht gut zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad lange Strecken fahren kann. Und dass ich zwei kleine Kinder habe, die ich nicht mit zum Supermarkt nehmen kann. Aber das Gespräch mit ihm hat nichts gebracht! Ich bekam keine Unterstützung oder Hilfe.

Nach dreimonatigem Warten hat mir die Sozialarbeiterin mitgeteilt, dass ich die Aufenthaltserlaubnis abholen kann. Sie wurde drei Monaten zuvor ausgestellt, aber mir die ganze Zeit vorenthalten, vermutlich weil ich zum Chef der Einrichtung gegangen war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch nicht den ersten Bescheid vom BAMF erhalten, den alle Leute bekommen haben. Sie hatte ihn mir einfach nicht ausgehändigt. Während alle anderen Kinder aus dem Heim bereits in den Kindergarten oder zur Schule gingen und Deutsch lernten, mussten wir zu Hause bleiben. Meine Kinder litten unter der Langeweile. Sie spürten die ablehnende Haltung der anderen Kinder, weil sie kein Deutsch lernten und auch sonst nicht teilhaben konnten.

Die schwierigen Zeiten nach unserer Flucht, die ich mit meinen Kindern durchgemacht habe, werden wir nie vergessen. Ich zum Beispiel kann im Winter nach 17 Uhr, wenn es dunkel wird, nicht auf die Straße gehen, weil die Dunkelheit in den leeren Straßen mir immer noch große Angst macht. Als ich meine Aufenthaltsgenehmigung endlich bekam, bin ich sofort nach Bochum umgezogen. Hier fühle ich mich und meine Kinder auch so sicher, wie in Damaskus. Hier fühle ich mich besser. Und wir haben uns von unserer Ostphobie erholt.