79567981 Kricket-Meister im zweiten Anlauf – here in Bochum

Kricket-Meister im zweiten Anlauf

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Arfan spielt in seiner Freizeit den pakistanischen Nationalsport –und das sehr erfolgreich

– ein Beitrag von Vicki

Ein Leben ohne Kricket kann sich Arfan nicht vorstellen. Seit seinem siebten Lebensjahr steht er für das Spiel auf dem Rasen. Eine Profikarriere war in greifbarer Nähe, aber seine Eltern bestanden auf das Studium. In seinem Heimatland Pakistan gilt Kricket als Nationalsport. Aber auch in Nordrhein-Westfalen gibt es eine sehr aktive Szene. In keinem anderen Bundesland gibt es mehr Kricket-Spieler. Mit seiner Duisburger Mannschaft hat Arfan vergangenes Jahr die NRW-Meisterschaft gewonnen und gerade wurde er zusätzlich in das Landes-Team berufen. Allerdings: Wenn die Mannschaft zu einem Spiel ins Ausland reist, darf er als Geflüchteter ohne Status nicht mitkommen.

Als Arfan in der ersten Halbzeit beim Spiel gegen den Mülheimer Cricket Club mit dem Schlagen an der Reihe ist, bricht plötzlich großer Jubel in seiner Mannschaft auf. Der 27-jährige Pakistaner hat perfekt getroffen und der Ball fliegt weit über den Spielfeldrand hinaus. Seine Mannschaft erhält dafür die höchstmögliche Punktzahl. Arfans Mitspieler auf dem Feld klopfen ihm anerkennend auf die Schulter. Die Chancen für den Sieg dieser Begegnung stehen gut.

Kricket ist ein sehr komplexes Spiel. Die Regeln erschließen sich allein durch das Beobachten am Spielfeldrand nicht. Schon die Begrenzung des Spielfeldes ist kaum zu erkennen. Kleine Fähnchen einer großen Fastfood-Kette dienen als Markierung und sind einfach ins Gras gesteckt. Die meiste Bewegung findet in der Mitte des Feldes statt, wo einer Fläche von etwa 20 Metern. Länge und drei Metern Breite geworfen und geschlagen wird. Beim Kricket dreht sich alles – wie beim Baseball – um das Duell zwischen dem Werfer (Bowler) und dem Schlagmann (Batsman). Es gibt zwei Spielrunden, in denen jeweils nur eine Mannschaft punkten kann. Allerdings gibt es keine Zeitbegrenzung: Eine Runde dauert so lange, bis alle Schlagmänner einer Mannschaft ausgeschieden sind.

 
 
 
 


Im Alter von sieben Jahren hat Arfan angefangen, Kricket zu spielen. „In Pakistan ist Kricket so beliebt wie in Deutschland Fußball.“ Er spielte in einer Mannschaft in seiner Heimatstadt Sialkot, später in der Regionalliga. Viele Pokale zierten die Regale in seinem Zimmer in der Wohnung der Eltern. Später bekam er ein Angebot als Profispieler bei „Sialkot Stallion“.Aber seine Eltern waren dagegen.

"Ich wollte Profi-Spieler werden, aber meine Eltern bestanden darauf, dass ich erst das Studium beende. Ich war damals sehr enttäuscht". Sein Studium beenden konnte Arfan nicht. Stattdessen wurde er aufgefordert, Soldat zu werden: entweder beim staatlichen Militär oder bei den Taliban. Beides kam für ihn nicht in Frage. „Ich will niemals eine Waffe in die Hand nehmen müssen, um auf andere Menschen zu schießen“, sagt der Pakistaner, „ich hatte keine Wahl, ich musste mein Land verlassen.“

2015 kam er nach Bochum, besuchte mehrere Sprachkurse und bezahlte sie selbst, weil er als Pakistaner keinen Zugang zu kostenlosen Sprachkursen bekam. Vor einem Jahr begann er in einem Wittener Handwerksbetrieb eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker – Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Gleichzeitig meldete er sich für die Abendschule an, um sein Abitur nachzumachen, denn sein Schulabschluss wurde in Deutschland nicht anerkannt. Arfan fühlt sich sehr wohl in dem Wittener Unternehmen, der Chef und das Team haben ihn als gleichwertigen Kollegen aufgenommen. Manchmal unternehmen alle etwas gemeinsam. Die Chancen stehen gut, dass er nach der Ausbildung übernommen wird. Arbeitet er dann noch mindestens zwei Jahre im Job, greift die sogenannte 3+2-Regel (drei Jahre Ausbildung plus zwei Jahre Angestelltenverhältnis) und Arfan kann trotz des inzwischen abgelehnten Asylbescheids in Deutschland bleiben. Der Kricketsport hilft ihm, ein Stück Normalität in sein Leben zu bringen. Jeden Freitag trifft sich sein Team, der Duisburg Cricket Club, zum Training. An den Wochenenden und auch an Feiertagen finden die Ligaspiele statt.

Eigene Kricketplätze gibt es nicht, stattdessen werden die Plätze von Fußballvereinen genutzt, wenn dort gerade keine Spiele stattfinden. Auch in Bochum gibt es einen Kricket-Club, allerdings hat der schon seit einiger Zeit keine Möglichkeit, einen Platz zu nutzen. Beim Duisburg Cricket Club spielen rund 20 Männer, fast alle sind Pakistaner. Viele leben seit vielen Jahren in Deutschland und unterstützen die Geflüchteten im Team. „Die, die schon lange hier leben, geben mehr Geld, damit wir für alle Trikots und Ausrüstung kaufen können oder stellen ihr Auto für Fahrgemeinschaften zur Verfügung“, sagt Mannschaftskapitän Shakeel Amir, „für uns als Mannschaft ist es gut, wenn wir junge Spieler wie Arfan im Team haben. Wir unterstützen sie sehr gern."

Das Geben und Nehmen im Team, das freundschaftliche und kollegiale Miteinander, zahlen sich für Arfans Team aus: Bereits 2016 hat die Mannschaft die „NRW T20 Championship“ gewonnen. Auch in diesem Jahr führt der Club die NRW-Liga an. Vor wenigen Wochen wurde Arfan in die NRW-Mannschaft berufen, die gegen andere Bundesländer Teams aber auch gegen ausländische Mannschaften antritt. Allerdings darf Arfan nur Spiele innerhalb Deutschlands bestreiten, zu Turnieren im Ausland darf er nicht reisen. Unter anderem fliegt die Mannschaft nach England, wo der Hauptsitz der internationalen Cricket-Union ist. „Das ist sehr schade, denn dort kommen viele internationale Kricket-Stars zusammen“, sagt Arfan, „aber wer weiß, vielleicht darf ich in vier Jahren, wenn ich offiziell in Deutschland bleiben kann, zu allen Spielen mitkommen.“

Das Spiel gegen den Mülheimer Cricket Club hat Arfan mit seiner Mannschaft natürlich gewonnen: mit 163 zu 99 Punkten. Im September endet die Saison und der nächste Meisterschaftstitel ist zum Greifen nahe.