79567981 Ein Interview mit Dunja Hayali – here in Bochum

Ein Interview mit Dunja Hayali

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„Wenn sich jemand rassistisch äußert, fühle ich mich nicht persönlich, sondern als Teil dieser Gesellschaft verletzt“

TV-Moderatorin Dunja Hayali über Anfeindungen sowie Freundlichkeit als Antwort darauf

– ein Interview von Hiba, Fayk und Mahmod

Dunja Hayali scheint ein Allroundtalent zu sein: Sie begann ihre Karriere beim Radio, moderierte die ZDF heute-Nachrichten, war Co-Moderatorin des heute-journals. Beim ZDF-Morgenmagazin ist sie fest verankert, übernimmt aber auch Polit-Talks im Abendprogramm. Beim Campfire-Festival war sie für die Diskussionsrunde „Ein Netz aus Hass – Dunja Hayali über ihren Umgang mit Hasskommentaren und die Chancen des Netzes als Kommunikationsraum“ zu Gast. Die here-Redakteure waren sehr beeindruckt, wie viele Interessierte kamen. Beim anschließenden Interview waren Hiba, Fayk und Mahmod etwas aufgeregt. Aber durch die sympathische, freundliche und witzige Art der Moderatorin legte sich das schnell.

Fayk: Hallo Dunja, herzlich willkommen bei uns. Oder darf ich dich auch auf Arabisch begrüßen: Ahlan biki ma‘na.
Dunja:  (Bedankt sich auf Arabisch) Shukran! Ich spreche leider nur ein bisschen Arabisch, das meiste habe ich leider vergessen. Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit euch!

Hiba: Wie siehst du persönlich die Situation mit den Geflüchteten?
Dunja:  Ich finde, dass nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa die Aufgabe hat, Geflüchteten zu helfen. Das steht in unserem Grundgesetz, in der Flüchtlingskonvention und noch an ganz anderen Stellen. Dazu gehört aber auch, genau zu prüfen: Hat ein Geflüchteter Anrecht auf Asyl? Darf er oder sie bleiben? Ist er schutzbedürftig oder nicht? Unser Asylrecht sieht nicht vor, dass wir Wirtschaftsflüchtlinge unterstützen. Noch haben wir in Deutschland kein Einwanderungsgesetz und solange das so ist, müssen wir diejenigen, die kein Anrecht haben in Deutschland zu sein, wieder abschieben. Das fördert übrigens auch die Akzeptanz der Geflüchteten, die in Deutschland ein Anrecht auf Asyl haben.

 
 
Fayk: Wie siehst du dich selbst, wenn du über Geflüchtete berichtest: Als einer von ihnen oder als deutsche Bürgerin?
Dunja:   Meine Eltern sind damals nicht aus dem Irak geflüchtet, sondern sie haben den Irak verlassen, um zu studieren. Wir sind also Migranten, keine Flüchtlinge. Ich selbst bezeichne mich als Mensch. Ich habe das große Glück, beim Geburtslotto gewonnen zu haben, weil ich in Deutschland geboren wurde. Aber in meinem Herzen schlagen natürlich zwei Herzen: ein irakisches und ein deutsches, die aber miteinander verschmolzen sind. Ich habe irakische Wurzeln, aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Für mich spielen aber Nationalitäten ehrlich gesagt keine Rolle. Für mich gibt es natürlich faktisch Ländergrenzen, aber wer hat diese Grenzen gezogen? Gerade wir wissen, worüber wir reden, wenn wir auf die arabische Welt schauen.

Fayk: Wenn Geflüchtete bei dir in einem TV-Interview verbal angegriffen werden, fühlst du dich auch persönlich verletzt?
Dunja:  Wenn sich jemand rassistisch äußert, fühle ich mich nicht persönlich, sondern als Teil dieser Gesellschaft verletzt. Rassismus hat in Deutschland nichts zu suchen. Nicht nur aufgrund unserer Vergangenheit, sondern ganz grundsätzlich nicht. Aber als Journalistin bin ich dazu verpflichtet, neutral zu sein und Fragen zu stellen.

Mahmoud: Warum hast du dir das Thema Hate-Speech als Fokus ausgesucht?
Dunja:  Ich habe mir das Thema nicht ausgesucht, es ist leider zu mir gekommen: weil ich selbst Migrationshintergrund habe, weil ich eine Frau bin, weil ich bei den Öffentlich-Rechtlichen arbeite. Es gibt viele verschiedene Gründe, die mich „angreifbar“ oder zum Objekt von Hate-Speech gemacht haben. Ich bin aber niemand, der sich wegduckt, sondern ich stelle mich und setze mich damit auseinander, weil ich immer noch glaube, dass der Dialog am Ende hilft. Nicht bei jedem – leider. Da muss man auch mal sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Aber meine Erfahrung ist schon, dass man durch das Gespräch viel bewirken kann. Das ist ja auch die große Aufgabe für uns. Ich glaube, jeder von uns verliert seine Angst und seine Vorurteile, wenn man miteinander ins Gespräch kommt. Wenn man feststellt: „Wow, du bist auch ein Mensch! Verrückt! Auch durch dich läuft normales Blut und es sieht wahrscheinlich genauso aus wie mein Blut.“ Warum funktioniert Integration beim Fußball so gut? Weil es nicht darum geht, wo du herkommst, sondern nur darum, was du kannst. Wer bist du? Spielst du gut? Spielst du vorne? Spielst du hinten? Sind wir ein gutes Team?

Mahmod: Geht es dir denn auch um Publicity bei diesem Thema?
Dunja:  Nein! Darauf könnte ich gut verzichten. Also ehrlich: Mein Leben wäre einfacher und friedvoller und schöner, wenn ich mich nicht um das Thema kümmern würde. Wenn es mir um Publicity gehen würde, würde ich den ganzen Tag über meinen Hund sprechen.

Mahmoud: Warum hast du dich persönlich für Journalismus entschieden?
Dunja:  Weil ich sehr gerne Fragen stelle und unglaublich neugierig bin. Schon als Kind habe ich immer gesagt: Warum? Warum? Warum? Warum? Deswegen bin ich Journalistin geworden. Außerdem finde ich Fragen zu stellen einfacher, als Antworten zu geben.

Und so dreht Dunja auch kurzerhand den Spieß um, und stellt unseren here-Redakteuren Fragen.

Dunja: Fayk, seit wann bist du hier in Deutschland?
Fayk: Seit fast zwei Jahren.
Dunja: (Auf Arabisch: Allugha maltesch kullesch Sen) Oh, du sprichst aber sehr gut Deutsch.

Dunja: Und du, Hiba?
Hiba: Ich bin seit neun Monaten hier.

Dunja: Wie ist es bei dir, Mahmod: Wollt ihr irgendwann zurückgehen in eure Heimat oder hier in Deutschland bleiben?
Mahmod:  Meine Familie entscheidet das. Meine Kinder wollen gerne bleiben.
Dunja: Immer auf die Kinder hören! (lacht) Aber ich verstehe, dass man seine Heimat vermisst. Meine Eltern haben ihr Land immer vermisst.

Dunja: Seid ihr Muslime? Wie nehmt ihr denn selbst die Diskussion über den Islam in Deutschland wahr?
Hiba: Im Westdeutschland ist es einfacher zu leben als im Osten. Hier sind die Menschen meiner Meinung nach viel toleranter.

Vicki: Fällt euch auf, dass jetzt Dunja die Fragen stellt und nicht mehr ihr?
(Alle lachen)
Munir: Ja, das ist ja auch ihre Leidenschaft.


Fayk: Wünschst du dir, eines Tages bei einem arabischen TV-Sender zu arbeiten?
Dunja:  Machst du Witze? Du hast doch gehört, wie schlecht ich arabisch spreche! (lacht) Was soll ich denn da machen? Wenn ich Arabisch sprechen könnte, ja klar, warum nicht? Aber im Moment würde es für mich da eher zur Reinigungskraft reichen.

Fayk: Wie kann man sich als Geflüchtete wehren, wenn man rassistisch beschimpft wird?
Dunja:  Wer darf sich denn nicht wehren? Steht irgendwo, dass das verboten ist? Ihr seid Menschen – genauso wie jeder in diesem Land auch. Ich glaube, dass man nur weiterkommt, wenn man freundlich bleibt. Es bringt überhaupt nichts, sich auf die Stufe seines Gegenübers herabzulassen. Wenn er sagt: „Du scheiß Ausländer!“, dann sagst du nicht: „Du scheiß Deutscher!“ Denn das ist kontraproduktiv. Ich würde fragen: „Warum bin ich denn ein scheiß Ausländer? Was ist dein Problem? Warum findest du mich jetzt eigentlich doof? Liegt es an meinen Haaren? Sollen wir einen Kaffee trinken gehen?“ Ich glaube, dass man diese Leute mundtot macht mit Freundlichkeit und dass man sie – natürlich nicht physisch – umarmt. Das ist sehr schwer, wenn man rassistische Beleidigungen über sich ergehen lassen muss. Aber ich glaube, dass ist der einzige Weg. Es ist ein schwieriges Thema und es gibt nicht die eine Antwort. Es geht immer auch darum: Wie fühle ich mich heute? Fühle ich mich inhaltlich stark? Fühle ich mich sowieso schon irgendwie müde oder hatte ich Streit mit meiner Frau oder mit meinem Mann? Oder geht es mir nicht so gut? Dann würde ich mich wahrscheinlich umdrehen und gehen. Es gibt natürlich auch Unterschiede zwischen den Menschen. Aber das ist meine Strategie. Man muss immer einen Plan haben, aber auch flexibel sein und davon abweichen können. Und: nicht sauer sein, wenn es nicht funktioniert.

Interview: Hiba, Fayk, Mahmod
Lektorat: Jan,
Übersetzung: Mareike
Fotos: here






 
 

„If someone says something racist, I do not feel hurt myself but as a part of our society“

TV host Dunja Hayali about hate speech and racist hostilities as well as friendliness in response

– an Interview by Hiba, Fayk and Mahmod

Dunja Hayali seems to be an all-round talent: she started her career at the radio, presented ZDF “heute” news, was co-presenter of “heute-journal”. At the ZDF morning show, she has a fixed position, but also hosts political talk shows in the evening programme. At the Campfire Festival she was guest at the discussion group „A Network of Hate – Dunja Hayali about her handling of hate comments and the opportunities of the internet as a space for communication“. The here editors were very impressed, how many people came to the discussion. In the subsequent interview Hiba, Fayk and Mahmod were a little bit nervous. Yet, because of the the friendly, sociable and funny character of the presenter, the excitement quickly passed.

Fayk (in Arabic): Welcome!
Dunja (in Arabic): Thank you! I only speak a little Arabic and it’s not very strong because I forgot most of it.

Hiba: How do you look at refugees?
Dunja:  I think not only Germany but Europe has the responsibility to help refugees. That is written in our Constitution and the Refugee Convention and many other places. That also means to check precisely: Has a refugee a right for Asylum? Can he stay? Is he in need of protection or not? Our Right of Asylum does not support economic refugees/migration. As long as we don’t have an immigration law in Germany, we must deport those who do not have a right to stay in Germany. That would also support the acceptance of refugees that have the right for Asylum in Germany.

 
 
Fayk: When you talk about refugees, do you see yourself as one of them or rather a German citizen?
Dunja:   My parents didn’t flee from Iraq, they left to study. So we are migrants, not refugees. I consider myself a human being. I was lucky that I won the birth-lottery because I was born in Germany. But there are two heats beating in my chest: an Iraqi and a German heart but they are melted together. I have roots in Iraq but I was born and I have grown up in Germany. To be honest, for me nationality isn’t important anymore. Of course, factually borders still exist, but who made these borders? We in particular know what we are talking about when we look at the Arabian world.

Fayk: If refugees are verbally attacked in your show/discussion group, do you feel personally hurt?
Dunja:  If someone says something racist, I don’t feel personally hurt but as a part of our society. There is no place for racism in Germany. Not only because of our past but fundamentally. But as a journalist I am obligated to be neutral and ask questions.

Mahmoud: Why did you choose hate speech to focus on today?
Dunja:  I did not choose the topic, unfortunately it came to me because I have a migrant background myself and because I’m a woman and because I work in public-service media. There are many different reasons that made me ‘open to attack’/’vulnerable’ or an object of hate speech. I am not a person who hides, I stand up and confront it because I still believe that dialogue is helpful in the end. Not with everyone – sadly. That’s where you have to say: Thus far and no further. But in my experience, conversation can change a lot. That is our mission/task. I believe that everyone can lose their fear and prejudice if they talk to each other. When you realize: “Wow, you’re human, too! Crazy! There’s normal blood running through your veins and it probably looks just like mine.” Why does integration work so well in football? Because it is not about where you’re from but about what you can do. Who are you? Do you play well? Do you play in the front or in the back? Are we a good team?

Mahmod: Is this topic about publicity?
Dunja:  No! I could do without that. To be honest: my life would be easier and more peaceful and better if I wouldn’t have to deal with that topic. If it was about publicity I would talk about my dog all day.

Mahmoud: Why did you choose journalism?
Dunja:  Dunja: Because I like to ask questions and I’m incredibly curious. Even as a kid I always said: Why? Why? Why? Why? That’s why I became journalist. In addition, I find it easier to ask questions than to give answers.

Dunja: Fayk, how long are you in Germany?
Fayk: For almost two years.
Dunja: Oh, your German is very good.



Dunja:  Do you want to go back or do you want to stay in Germany?
Mahmod:  My family will decide that. My children would like to stay.
Dunja: Always listen to the children! (laughs) But I understand that you miss your home. My parents have always missed their county.

Dunja: Are you Muslims? How do you perceive the discussion about Islam in Germany?
Hiba: It is easier to life in western Germany than in the east. They are much more tolerant here.

Vicki: Vicki: Do you realize that Dunja is now asking the questions and not you anymore?
(everybody laughs)
Munir: Yes, it is her passion, indeed.


Fayk: Would you like to work in an Arabic TV-station one day?
Dunja:  Are you joking? You heard how badly I speak Arabic! What am I supposed to do there? If I could speak Arabic, sure why not? But right now, I would only be a cleaning woman.

Fayk: How can refugees fight back/defend themselves when they are racially insulted?
Dunja:  Who is allowed to fight back? Is it written somewhere that it is forbidden? You are human beings – just like everyone else in this country. I believe that it can only work if you stay friendly. There is no use in putting yourself on the same level as your opponent. If he says “You shitty/fucking foreigner/alien!”, you don’t say „You shitty/fucking German!“ That’s counterproductive. I would ask: “Why am I a fucking alien? What is your problem? Why do you think I’m stupid? Is it because of my hair? Should we go and have a coffee?“ I believe you can silence these people by being friendly and by – of course not physically – embracing them. It is very hard when you have to endure racist insults. But I believe it is the only way. It is a difficult topic and there is not one answer. It is also about: How do I feel today? Do I feel strong? Do I feel somehow tired or did I have a fight with my wife or husband? Or do I not feel well? Then I would turn around and leave. Of course there are differences between people. But that’s my strategy. You always have to have a plan but at the same time be flexible to deviate from it. And: don’t be mad when it doesn’t work.

Interview: Hiba, Fayk, Mahmod
Lektorat: Jan,
Übersetzung: Mareike
Fotos: here