79567981 Im Schauspielhaus wird Panjabi gesprochen – here in Bochum

Im Schauspielhaus wird Panjabi gesprochen

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Im Schauspielhaus wird Panjabi gesprochen

Qamar bringt Schauspielern für „Die unsichtbare Hand“ pakistanische Aussprache bei



Moral, Vertrauen, den Schwachen helfen – wofür steht der persönliche Glaube? Oder werfen Gläubige – ob Christen oder Muslime – für das ganz große Geld alle Moral über Bord? Das aktuelle Stück „Die unsichtbare Hand“ im Schauspielhaus Bochum beschreibt dies in beklemmender Weise. Die Geschichte spielt in Pakistan und Teile des Stücks werden in Panjabi, einer weit verbreiteten Sprache des Landes, aufgeführt. Qamar, der aus Pakistan geflüchtet ist und seit 2015 in Bochum lebt, hat den drei Schauspielern die Aussprache beigebracht und sich dabei auch sehr intensiv mit dem Stück auseinandergesetzt.

Qamar und das kreative Chaos auf der Bühne

Zehn Tage vor der Premiere in den Kammerspielen: Alle Akteure des Stückes sind versammelt zur „AmA 1“. Das bedeutet „Alles mit Allem“ und ist die erste Probe, in der alle Elemente – Spiel, Licht, Kostüm, Maske, Bühnenbild, Ton, Video – miteinander kombiniert werden. „Das bedeutet kreatives Chaos“, sagt Alexander Leiffheidt, Dramaturg am Schauspielhaus, „das ganze Stück wird ohne Unterbrechung aufgeführt und danach werden noch kleine Korrekturen besprochen.“

Qamar sitzt im Zuschauerraum. Heute sieht er zum ersten Mal das komplette Stück. Kurz vor Beginn der AmA begrüßt Samuel Simon ihn freundschaftlich. Er ist einer der Schauspieler, mit denen er in den vergangenen Wochen intensiv Panjabi geübt hat. „Simon ist ein sehr netter Typ“, sagt Qamar und lächelt, „ich mag ihn und habe sehr gern mit ihm zusammengearbeitet.“

 
 

Worum geht es in dem Stück?

„Die unsichtbare Hand“ schrieb Ayad Akhtar, ein amerikanischer Autor mit pakistanischen Wurzeln. Darin will eine islamistische Splittergruppe den Chef einer amerikanischen Bankniederlassung kidnappen. Weil sie aber nur einen einfachen Investmentbanker zu fassen bekommen, weigert sich die Bank, die geforderten zehn Millionen Dollar Lösegeld zu zahlen. Die Geisel Nick bangt um ihr Leben und macht einen Deal mit dem Islamistenführer Imam Saleem: Mit seinem Börsenwissen schafft Nick es innerhalb eines Jahres, das Geld selbst zu erwirtschaften. Damit er keinen eigenen Zugang zu einem Computer hat, führt Bashir, der Handlanger des Imams, die Börsenkäufe und -verkäufe aus. Nick freundet sich mit seinem Bewacher Dar an und auch zu Bashir findet er einen Zugang. Nick hat aber nur die Chance, in so kurzer Zeit so viel Geld an der Börse zu verdienen, in dem er Insiderwissen nutzt. Berauscht von den verdienten Millionen, rutscht Bashir so weit von seinen moralischen Grundsätzen ab, dass er sogar Terroranschläge initiiert, um die Börse zu beeinflussen. Als klar wird, dass der von Bashir verehrte Imam nicht nur edle Ziele für sein Land verfolgt, geraten die Grundsätze der Gruppe endgültig aus den Fugen.

2012 ist das Theaterstück erstmals in den USA aufgeführt worden, die Inszenierung am Schauspielhaus Bochum ist die erste im deutschsprachigen Raum. Die Szenen, in denen Panjabi gesprochen wird, hat der Autor explizit so im Original vorgesehen. „Wir fanden das gut und haben es so übernommen“, erklärt Alexander Leiffheidt, „das macht klar, in welch völlig fremder Umgebung sich Nick als Geisel befindet. Trotzdem ist eine Art von Kommunikation möglich.“

 
 

Mit Geduld und Fleiß zur perfekten Aussprache

Panjabi ist für deutsche Schauspieler eine sehr schwer zu sprechende Sprache. „Es klingt schon sehr exotisch für uns. Die Laute richtig auszusprechen, braucht viel Übung“, so Leiffheidt, „Qamar hat sich als sehr geduldiger und kompetenter Sprachlehrer erwiesen.“ Mehrmals übte der Pakistaner mit den drei Schauspielern Samuel Simon (Dar), Omar El-Saeidi (Bashir) und Matthias Redlhammer (Imam Saleem) ihre Sätze ein. Zusätzlich sprach er alle Passagen ein, sodass die Schauspieler die Sätze jederzeit auf ihrem Handy abspielen konnten. Für eine Szene nahmen Qamar und seine pakistanischen Freunde Arfan und Jamshed Hintergrundstimmen auf, die wie ein Gespräch unter pakistanischen Soldaten wirken.

Qamar zwischen den Proben und seinem neuen Job

Für Qamar war es nicht einfach, die Probentermine und seinen Start in den Arbeitsmarkt unter einen Hut zu bekommen. Seit Oktober arbeitet er in der Versandabteilung bei Amazon in Werne im Schichtbetrieb. Der 39-Jährige hat in Pakistan studiert und viele Jahre in Saudi-Arabien in der Logistikbranche gearbeitet – allerdings in leitender Position. Aufgrund seiner Religion flüchtete er aus Pakistan und kam Anfang 2015 in Bochum an. Seine Sprachkurse bezahlte der dreifache Familienvater selbst, weil er als Pakistaner keinen Zugang zu einem kostenlosen Sprachkurs für Geflüchtete bekam. Es folgten verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen über das Jobcenter und ein Büropraktikum. Den Job bei Amazon organisierte er sich selbst. Inzwischen wurde sein Studienabschluss hier anerkannt, doch trotz seiner sehr guten Deutschkenntnisse bietet sich für ihn momentan keine realistische Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Mehr als 60 Kilometer trennen ihn von seinem Arbeitsplatz. Qamar lebt mit anderen geflüchteten Pakistanern in einem von der Stadt angemieteten Haus in Bochum-Linden, das so ungünstig an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist, dass er viel Zeit braucht, um überhaupt zum Hauptbahnhof zu kommen. Häufig, wenn er von der Spätschicht zurück in Bochum ist, gibt es keine Verbindung mehr nach Linden.

 
 

Wie geht es für Qamar weiter?

Ende November kam der Bescheid zu seinem Asylgesuch. Eineinhalb Jahre wartete Qamar auf sein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Nach einem sehr kurzen Gespräch Anfang November, in dem er das Gefühl hatte, kaum etwas sagen zu können, wurde sein Asylantrag innerhalb kürzester Zeit abgelehnt – ebenso wie die seiner pakistanischen Freunde hier.

Widerspruch hat er bereits eingelegt und bekommt Unterstützung von einer Anwältin. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage: Sein Ziel ist es, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen, seine Frau und seine drei Töchter nachzuholen, mit denen er seit zwei Jahren lediglich telefonieren kann. Qamar hofft darauf, aufgrund seiner Erfahrung langfristig eine qualifizierte Arbeit bei Amazon zu bekommen oder gar einen Job in Bochum. Nach Werne zu ziehen, kommt für ihn allerdings nicht in Frage. „Ich will auf jeden Fall hier in Bochum bleiben. Hier habe ich Freunde und die Menschen hier sind sehr hilfsbereit.“

„Es ist nur ein Theaterstück, aber es ist trotzdem Realität“

Während der AmA-Probe im Bochumer Schauspielhaus verfolgt Qamar gespannt das Stück. Als die Schauspieler zum ersten Mal Sätze in Panjabi sprechen, lächelt er zufrieden. „Das war gut“, flüstert er. Er fühle sich glücklich und stolz, dass Deutsche seine Sprache sprechen. Obwohl er das Skript bereits im Sommer als Vorbereitung auf die Proben gelesen hat, sieht er immer wieder sehr nachdenklich aus. Es geht um seine Heimat, die voller Korruption und Menschenverachtung steckt. „Es ist nur ein Theaterstück, aber es ist trotzdem Realität. Ich bin nicht glücklich, auf der Bühne zu sehen, dass so etwas in meinem Land passiert.“

Mehr als nur ein Theaterstück

Während der Proben kam Qamar immer wieder inhaltlich mit den Schauspielern und Alexander Leiffheidt ins Gespräch. „Die Diskussionen mit Qamar waren für mich sehr bereichernd“, sagt der Dramaturg, „es ist eine interessante Erfahrung für mich, dass wir nicht automatisch identische Meinungen haben, obwohl wir Terrorismus und Gewalt ablehnen“. Qamar ist es wichtig, dass die Menschen auch das Positive an Pakistan sehen, die Kultur und die Menschen – und nicht nur den Terror. „Die Terroristen gehen über die Grenzen des Geldes und der Macht hinaus. Wo bleibt die Menschlichkeit, wenn einer seinen Freund tötet, um reich zu werden? Es gibt keine Menschlichkeit in den Herzen der Terroristen und deshalb sind sie für mich auch keine Menschen.“

 

English

 

Schauspielhaus speaks Punjabi

by Qamar teaches actors Pakistani pronunciation for “The Invisible Hand”



Morality, trust, helping the weak – what does personal belief stand for? Or would the faithful – no matter if Christians or Muslims – throw all morality to the wind for the big bucks? In “The Invisible Hand” at Schauspielhaus this matter is described in an oppressive way. The story is set in Pakistan and parts of the play are performed in Punjabi, a wide spread language in the country. Qamar, who fled from Pakistan and has been living in Bochum since 2015, taught the three actors how to pronounce the language and in doing so dealt intensively with the play itself.

Qamar and the creative chaos on stage

Ten days prior to the premiere in the hall of the “Kammerspiele”: all the play’s actors are gathered for the “EwE”. That means “Everything with Everything” and is the very first rehearsal, in which all elements – play, lighting, costume, mask, stage setting, sound, video – are being combined. “That means creative chaos”, says Alexander Leiffheidt, dramatic adviser at the Schauspielhaus, “the whole play is performed without any interruptions and afterwards we discuss little corrections.”

Qamar is sitting in the auditorium. Today he will see the play as a whole for the very first time. Shortly before the “EwE” Samuel Simon greets him amicably, one of the actors with whom he intensively practiced Punjabi during the last couple of weeks. “Simon is a nice guy,” says Qamar and smiles, “I like him and I enjoyed working with him.”

In the summer the Schauspielhaus was searching for Punjabi native speakers, a language, which is spoken in parts of India and Pakistan. Dramatic adviser Alexander Leiffheidt approached the initiative committee for refugee work (“Initiativkreis Flüchtlingsarbeit”), in which many clubs, initiatives and individuals from Bochum are organised in. Qamar got in touch and was very interested after a longer conversation with the dramatic adviser.

 
 

What is the play about?

“The Invisible Hand” is written by Ayad Akhtar, an American author with Pakistani roots. The play is about an Islamist splinter group that wants to kidnap the boss of an American bank. But since they only get a simple investment banker, the bank refuses to pay the ransom of 10 million dollars. The hostage, Nick, fears for his life and closes a deal with Islamist leader Imam Saleem: with his knowledge of the stock market, Nick manages to make the money himself within a year. In order for Nick to not have any access to a computer, Bashir, the imam’s handyman, does all the purchases and sales. Nick becomes friends with his watchman Dar and also finds a way to approach Bashir. But Nick only has the chance to make that much money in such a small amount of time by using insider information. Inebriated by the money, Bashir moves away from his moral principles, so that he even initiates terrorist attacks to influence the stock market. When it becomes clear that the imam, admired by Bashir, does not only pursue noble goals for his country, the group’s principles go entirely to pieces.

The play premiered in the US in 2012, the production at the Schauspielhaus Bochum is the first one in a German-speaking country. The scenes, in which Punjabi is being spoken, were explicitly intended by the author. “We liked it this way and took adopted it”, Alexander Leiffheidt explains, “it illutrastes the completely foreign surroundings the hostage Nick is in. Nevertheless, some kind of communication is still possible.”

 
 

With patience and hard work to the perfect pronunciation

Punjabi is very hard to pronounce for German actors. “It sure sounds very unfamiliar to us. To pronounce the words correctly needs a lot of practice”, says Leiffheidt, “Qamar was a very competent and patient language teacher.” Several times Qamar practiced the sentences with the three actors Samuel Simon (Dar), Omar El-Saeidi (Bashir) and Matthias Redlhammer (Imam Saleem). Additionally, he recorded all passages in Punjabi so that the actors could play them on their cell phones any time. For one scene Qamar and his friends Arfan and Jamshed recorded background voices that sound like a conversation between Pakistani soldiers.

Qamar between rehearsals and his new work

For Qamar it was not easy to attend the rehearsals as he had just started a new job. Since October, he works for the distribution department at Amazon in Werne in shift work. The 39-year old has a university degree from Pakistan and worked for many years in logistic in Saudi-Arabia – however in an executive position. He had to flee from Pakistan for religious reasons and arrived in Bochum in 2015. His German language courses he pays himself as he is not eligible as a Pakistani to the free German language courses for refugees offered by the state. This was followed by various qualification measures by the job centre and an internship in an office. The job with Amazon he got himself. By now his university degree has been recognized and his Germany skills are on a high level, yet he still has no realistic chances on the Germany job market.

Qamar has to travel over 60 kilometers to his job. He lives with other refugees from Pakistan in a house rented by the city council in Bochum-Linden, from which the connection with public transport is so bad that he needs already a lot of time just to reach the train station. Often when he gets back from the late shift, there is no connection back to Linden.

What does the future hold for Qamar?

At the end of November, he got news from his application for asylum. One and a half years he waited for his interview with the Federal Agency of Migration and Refugees (BAMF). After a brief talk at the beginning of November, in which Qamar felt that he could not express himself fully, his application for asylum was quickly refused – as were the applications of his Pakistani friends.

Supported by a lawyer he already filed an objection. Giving up is no option for him: His goal is to build a new life in Germany for his wife and his three daughters, with whom he could only talk over the phone for the past two years. Qamar hopes to find a more proficient job with Amazon due to his extensive work experience or even better a job in Bochum. To move to Werne does not appeal to him. “I want to stay in Bochum. I have good friends here and a lot of people who help me.”

“It is only a play, but it is also reality”

During the “EwE” rehearsals in the Schauspielhaus Bochum Qamar follows the play excitedly. When the actors pronounce the first sentences in Punjabi, he smiles contently. “This was very good”, he whispers. At this moment he is happy and proud that these Germans are speaking his language. Although he has read the script of the play already in the summer preparing the rehearsals, he is still very contemplative. His home is portrayed in the play with all its corruption and its contempt for mankind. “It is only a play, but it is also reality. I am not happy to see on stage that something like this is happening in my country.”

 
 

More than just a play

While working with the actors and Alexander Leiffheidt discussions came up. “The exchange with Qamar was very enriching”, says the dramatic adviser, “it is an interesting experience for me that we do not a have the same opinion automatically, although we both reject terrorism and violence.” It is important for Qamar that the audience also sees the positive sides of Pakistan, its rich culture and people who live there – not only terror. “Terrorists leave the boundaries of money and power. Where are the values of humanity when you kill your friend to get rich? There are no human values in the hearts of the terrorists and therefore they are not humans to me.”