79567981 GESYRES – Studie zu Flucht und Kindern – here in Bochum

GESYRES – Studie zu Flucht und Kindern

Baki feature
Mutter
Juli 4, 2019
 

Wie wirkt sich eine Flucht auf Kinder aus?

GESYRES untersucht die Situation von geflüchteten Familien

 

Julian Busch ist wissenschaftlicher Mitarbei- ter und Doktorand in der Arbeitsgruppe Familienforschung der Ruhr-Universität Bochum. Er arbeitet für das Forschungsprojekt „GESYRES“ (German-Syrian-Refugee-Studies), das sich mit der Situation von Geflüchteten aus psychologischer Perspektive befasst. Untersucht wurde dabei das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Flüchtlingsfamilien aus Syrien. Er traf sich für ein Interview mit Momen und Laura, um von dem Projekt zu erzählen.

Wofür steht GESYRES?

Das Forschungsprojekt „German-Syrian-Refugee- Studies“ wurde mit dem Ziel gestartet, das Wohlbefinden, die psychische Gesundheit und auch den Kontext von geflüchteten Familien, die frisch in Deutschland angekommen sind, zu untersuchen. Denn was das genau heißt, wird selten angegangen. Es hatte also auch das Ziel, in einer emotional aufgeladenen De- batte eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Wir wollten Daten präsentieren, aufgrund denen wir bes- ser verstehen können, wie es den Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, geht. Was sie für Erfahrun- gen und Bedürfnisse haben oder ob sie sich in Deutsch- land aufgenommen fühlen. Dabei haben uns besonders Familien mit jungen Kindern interessiert: Was bedeutet es etwa, unter Fluchtumständen Kinder zu erziehen? Was führt bei Flucht konkret zu Belastungen und wie wird die Kindesentwicklung dabei beeinflusst?

Wer steht hinter dem Projekt und was wurde gemacht?

Wir standen am Anfang vor der Herausforderung, dass niemand in unserem Projektteam bisher Erfahrung in der Forschung mit Geflüchteten hatte. Das ist ein For- schungsbereich, der bisher vernachlässigt wurde, obwohl Deutschland eine lange Einwanderungsgeschichte besitzt. Denn Fakt ist, dass es schon in den 1960er Jahren eine große Einwanderungsbewegung gab, als Menschen aus Süd- und Osteuropa als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Ab 2015 kamen geflüchtete Menschen vor allem aus dem arabischen Raum, wie Syrien. Deshalb ist der Forschungsbedarf gerade bei die- sen Herkunftsländern aktuell. Bisher haben wir über 90 Interviews mit Familien aus Syrien geführt.

Wie läuft das in der Praxis ab?

Wir haben die teilnehmenden Familien Zuhause besucht, meist zusammen mit einem arabischem Dolmet- scher, und die Menschen zur Fluchtgeschichte befragt. Zum Beispiel, wie ihr Leben in Syrien war und wie es nun in Deutschland ist. Dabei wollten wir herausfinden, ob es kritischen Aspekte gibt, warum bestimmte Personen Flucht besser „wegstecken“ bzw. welche Kontextbedingungen für die Entwicklung von Menschen entscheidend sind. Außer- dem haben wir Haarproben untersucht, um an körperlichen Veränderungen ableiten zu können, wie viel Stress erlebt wurde.

Warum ist GESYRES für dich relevant?

Das Wichtigste ist mir, dass wir durch Forschung Fakten und Wissen präsentieren können – unabhängig von großen Debatten. So reflektieren die Interviews Wünsche und Bedürfnisse von Geflüchteten und geben Hinweise, was gebraucht wird, um sich aufgenommen zu fühlen. Das ist besonders wichtig in einer Zeit, die so von Emotion beherrscht wird. Außerdem nimmt GESYRES die nächste Generation, also Kinder, in den Fokus. Es ist wichtig, Kinder und junge Menschen zu unterstützen und darauf hinzuweisen, dass frühkindliche Erfahrungen wegweisend für das spätere Leben sind.

Gibt es schon erste Erkenntnisse?

Unsere Ergebnisse deuten drauf hin, dass Kinder mit Fluchterfahrungen im Alter von 2,5 bis 5 Jahren stärker emotional belastet sind. Das zeigt sich im Verhalten der Kinder. Allerdings sind sie nicht pauschal auffällig, son- dern zeigen zum Beispiel eher Aufmerksamkeitsproble- me oder Ängstlichkeit, als Kinder ohne Fluchterfahrung. Im Durchschnitt zeigen sie aber nicht mehr aggressives Verhalten. Außerdem macht es keinen Unterschied, ob die Familien aus Kriegsgebieten oder aufgrund von Armut geflohen sind. Das hat uns zu der Annahme ge- leitet, dass es nicht unbedingt die Kriegserfahrung ist, die dazu führt, dass Kinder auffällige Verhaltensmuster zeigen. Vielleicht liegt es stärker an der Erfahrungen, die Kinder und Familien hier in Deutschland machen und wie die Bedingungen hier in Deutschland sind. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit daher nicht nur darauf lenken, welche Traumatisierungen ein Kind möglicher- weise bisher erlebt hat, sondern „Was ist jetzt hier?“. Was sind geeignete Interventionsansätze, in die die Po- litik möglicherweise Geld investieren sollte.

Was muss sich in der Flucht- und Flüchtlingsforschung ändern? Es ist wichtig nicht als erstes zu fragen, wer bleibebe- rechtigt ist, sondern unabhängig vom Aufenthalts- status, das Recht auf Bildung eines jeden Kindes zu fördern. Dazu ist Wissen und Forschung mit dieser neuen Gruppe sehr wichtig! Wir brauchen langfristige Initiativen, die – wissenschaftlich begleitet – konstante, nachhaltige Strukturen etablieren. So erleichtern etwa „Brückenprojekte“ den Übergang in die frühkindliche Bildung.

Interview: Momen, Laura
Lektorat: Vicki, Annette
Übersetzung: Laura

 

How does a flight affect children?

GESYRES examines the situation of refugee families

 

Julian Busch is a research associate and doc- toral student in the research group of family studies of the Ruhr University Bochum. He works for the research project „GESYRES“ (German-Syrian-Refugee-Studies) which ex- amines the situation of refugees from a psychological perspective. The project assess the wellbeing and mental health of refugee families from Syria. He met with Momen and Laura for an interview to talk about the project.

What does GESYRES stand for?

The research project „German-Syrian-Refugee Studies“ was initiated to examine the wellbeing, mental health, and also the context of refugee families who have just arrived in Germany. So far, what that means exactly has rarely been addressed. Therefore, it has also been the goal to create a scientific basis in an emotionally charged debate. We wanted to present data based on which we could better understand how people feel who have fled to Germany. We wanted to know what experiences they have made, what needs they have, and whether or not they feel included in Germany. We were especially interested in families with young children: What does it mean to rear a child under circumstances of flight? What exactly leads to stress when fleeing and how does that influence child development?

Who is behind the project and what was done?

In the beginning, we faced the challenge that no one in our project team had experience in research with refugees. This is a research area which has been neglected, even though Germany has a long immigration history. In fact, we already had a large immigration movement in the 1960s when people from Southern and Eastern Europe came to Germany as foreign workers. Starting 2015, refugees came especially from the Arab world, from countries like Syria. Therefore, currently research is required for these countries of origin. So far we have conducted over 90 interviews with families from Syria.

How does that work in practice?

We visited the participating families at home, usually together with an Arabic interpreter, and asked people about their escape history. For example, how their life had been in Syria and how it is now in Germany. We wanted to find out whether there are critical aspects why certain people are more resilient in the face of flight and which context conditions are central for development of people. We also examined hair samples to derive from physical changes how much stress has been experienced.

Why is GESYRES relevant to you?

The most important thing to me is that we can present facts and knowledge th- rough research – regardless of major debates. The interviews reflect the wishes and needs of refugees and give indications for what is needed for them to feel welcomed. This is especially important in a time so dominated by emotion. In addition, GESYRES focuses on the next generation, the children. It is particularly important to support children and young people as well as to point out that early childhood experiences have crucial impact on later life.

Are there any preliminary findings?

Our results indicate that refugee children aged 2.5 to 5 years are more emotionally stressed. That shows in the behavior of the children. However, they do not act deviant in general but display more attention problems or anxiety than children without experience of flight. Additionally, it makes no difference whether the families escaped from war zones or due to poverty. This is why we assume that it may not necessarily be the war experience causing children to show deviant patterns of behavior. Maybe experiences children and families are make in Germany, as well as the conditions in which they live here are more important. Therefore, we should not only focus on what kind of trauma a child may have experienced so far, but on What happens here, now? What are appropriate approaches for interventions in which policymakers should invest money?

What needs to change in refugee research?

It is important that we do not first ask whether someone is entitled to stay, but support every child’s right to an education no matter what their family’s asylum status is. Thus, knowledge and research with this new group is very important! We need long-term initiatives that – scientifically monitored – establish consistent, sustainable structures. In this way, „bridging projects“, for example, facilitate the transition to early childhood education.