79567981 Ein Interview mit Raphael Thelen – here in Bochum

Ein Interview mit Raphael Thelen

Thelen
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„Deutschland ist vielleicht viel besser als sein Ruf“

Journalist Raphael Thelen hat viele Reportagen über Ostdeutschland und Fremdenfeindlichkeit geschrieben

– ein Interview von Nour

Raphael Thelen ist Mitglied der Reportageagentur Zeitenspiegel. Für seine Reportagereisen durch Sachsen (www.neuenormalitaet.de) und Mecklenburg-Vorpommern (www.zeit.de/obenrechts) zum Thema Rechtspopulismus kürte das Medium Magazin ihn zu einem der „Top 30 bis 30“-Journalisten 2016. 2017 reiste er mehrere Wochen für Spiegel Online durch Ostdeutschland und ging der Frage nach, wovon die Menschen träumen.
Zuvor lebte er mehrere Jahre in Ägypten und dem Libanon. Seine Reportagen aus über fünfzehn Ländern erschienen im SPIEGEL, der ZEIT, dem Stern, sowie einer Vielzahl von österreichischen und schweizerischen Medien. Die here-Redakteure Nour und Fayk sprachen mit ihm auf dem Campfire.


Du hast viele Erfahrungen in Aue und in Ostdeutschland gemacht. Was kann die Ansichten der Nazis gegen Geflüchtete verändern?
Dafür gibt es einen Fachbegriff: Man nennt das die Kontaktthese. Je mehr Menschen miteinander zu tun haben, desto weniger Angst haben sie voreinander. Ich habe eben in meinem Vortrag über über den sächsischen Ort Coswig gesprochen. Ganz viele Geflüchtete sind nach Coswig gekommen und die Menschen dort hatten erst einmal Angst. Werden die jetzt klauen? Werden die unsere Frauen anfassen? Aber nach drei Monaten gab es keine Diebstähle und es gab auch keine Übergriffe. Der Bürgermeister hat sehr viel dafür getan, dass sich die Geflüchteten und die Menschen aus Coswig kennenlernen. Nach einigen Monaten kamen die Einwohner von Coswig zum Bürgermeister und sagten, dass die Geflüchteten gar keine Probleme machen würden. Ich glaube es ist wichtig, dass man sich kennenlernt.

Wer spielt hier eine Rolle für diese Entwicklung? Ist es zum Beispiel die Regierung, die quasi die Geflüchteten in die Orte gebracht hat?
Ich glaube, die Bundesregierung ist bei dieser Argumentation zu weit weg. Es kommt auf die Leute vor Ort an. Also die Bürgermeister, die Sportvereine, die Kirche und die Geflüchteten selbst. Integration kommt von beiden Seiten. Es ist wichtig und auch gar nichts Großes, sich einfach zu treffen und zu reden.

 
 
Wie können sich die Geflüchteten gegen Nazis verteidigen?
Es gibt Nazis, die kann man nicht mehr ändern. Die werden immer so sein. Das ändert sich nicht mehr. Aber es gibt Menschen, die sind nicht rechts oder links, die haben vielleicht ein bisschen Angst und da muss man hingehen und reden. Ein Geflüchteter könnte sagen: „Ja, ich bin Moslem und finde es gut, wenn Frauen ein Kopftuch tragen, aber trotzdem sind Frauen gleichberechtigt im Koran.“ Die Geflüchteten müssen reden, reden, reden. Zum Beispiel: „Syrisches Essen ist genauso lecker wie deutsches Essen. Ich koche heute für Sie!“

Wie kann Integration im Zuge der Angst von einigen in der Bevölkerung funktionieren?
Angst kann man abbauen, aber es ist schwierig. Ich glaube, die Situation ist nicht so schlimm, wie es in den Medien manchmal aussieht. Dort sieht man immer nur das Schlimmste. Bochum ist ja ein gutes Beispiel dafür, wie Geflüchtete und Deutsche zusammenleben können. Man gewöhnt sich aneinander. Früher im Bergbau haben Deutsche, Türken und Italiener zusammengearbeitet, hart gearbeitet, und man sagt: „Vor der Kohle sind alle schwarz.“ Also alle Gesichter waren schwarz vom Kohlenstaub. Das heißt also, wenn man zusammen arbeitet und zusammen lebt, dann geht die Angst weg.

Die Geflüchteten können nur eine kleinere Rolle spielen, weil sie zuerst die deutsche Sprache lernen müssen, bevor sie ihre Geschichte erklären können. Das dauert. Sollten deshalb nicht zuerst die Deutschen zu den Geflüchteten kommen und nicht umgekehrt?
Ich glaube, da gibt es kein Schwarz und kein Weiß. Der deutsche Staat muss zuerst Sprachkurse anbieten, damit die Neuankömmlinge Deutsch lernen können und anfangen können zu arbeiten. Und sobald sie anfangen zu arbeiten, kommt der zwischenmenschliche Kontakt von ganz alleine. In einem Projekt könnte es dann zum Beispiel so sein, dass man sich begegnet und merkt: Die Deutschen sind sehr pünktlich. Die Geflüchteten zeigen etwa die kulinarischen Besonderheiten der heimischen Küche. So lacht man zusammen und man lernt zusammen. Es gibt keine Regeln, kein „Du musst“.

Kannst du dir vorstellen, ein zweites Mal Artikel über die Rechtsradikalen zu schreiben, die du porträtiert hast – mit dem Unterschied, dass sie inzwischen ihre Einstellung geändert haben?
Ich habe viel über Nazis geschrieben. Jetzt – nach zwei Jahren – denke ich, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist, über Nazis zu schreiben. Stichwort konstruktiver Journalismus: Ich würde viel lieber über Sportvereine schreiben, die progressiv und liberal sind oder über Politiker und Initiativen wie here in Bochum. Darüber würde ich viel lieber schreiben als über Dortmund Dorstfeld, wo 20 Nazis rumlaufen. Es ist viel interessanter darüber zu schreiben, welche Projekte es zum Beispiel in Bochum gibt und wie diese funktionieren. Natürlich gibt es da auch Probleme, aber auch Lösungen. Darüber würde ich viel lieber schreiben.

Hattest du als Journalist in Ostdeutschland Angst?
Manchmal, ja. In Leipzig habe ich aber keine Angst gehabt, weil dies eine sehr linke und offene Stadt ist. Die meisten größeren Städte sind okay. Viele Fernsehteams nehmen dennoch Bodyguards mit, wenn sie zu einer Pegida-Demo fahren, weil es zu Angriffen kommen kann. Aber ja, manchmal habe ich Angst gehabt.

Warum hast du so viel über Rechtsradikalismus und Geflüchtete geschrieben?
Wenn mich ein Thema berührt, schreibe ich darüber. Ich war 2015 bei einer Pegida-Demo in Dresden und das war für mich 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges schockierend. 20.000 Menschen stellen sich auf einen Platz und rufen: „Wir sind das Volk!“ und brüllen: „Ausländer raus!“ Dass so etwas 70 Jahre nach dem Holocaust passiert, wollte ich nicht akzeptieren und habe mich gefragt, weshalb ist das so? Das wollte ich zum einen verstehen und zum anderen Möglichkeiten schaffen, etwas dagegen zu tun, indem man es versteht.

Warum hat die Bundesregierung noch keine Umfrage veröffentlicht, in der steht, wie viele Geflüchtete eine Arbeit haben, zur Schule gehen und integriert sind?
Die Zahlen über Geflüchtete, die einen Job haben, sind ziemlich schlecht. Es ist aber auch erst zwei Jahre her. Für Geflüchtete fühlt es sich lang an, aber für eine Gesellschaft ist das nicht lang. Nour, Sie sind ein tolles Beispiel: Sie können auf sich selbst total stolz sein, dass sie schon gut Deutsch sprechen und sich hier engagieren, und das mit zwei Kindern. Sie werden auch keine Schwierigkeiten haben.

Warum bemühen sich die Deutschen nicht syrische Freunde zu finden?
Die Deutschen sind toleranter, als es in den Medien gezeigt wird. Mein Vater hatte ein kleines Bauunternehmen und da haben Ausländer gearbeitet. Es kam nie zu Problemen. 100.000 Menschen haben sich engagiert und haben Deutschunterricht gegeben, aber darüber wurde zu wenig geredet. Die Politiker haben ihnen zu wenig gedankt. Ich habe zwei Jahre lang über Nazis und die AfD geschrieben. Vielleicht habe ich sie viel stärker dargestellt, als sie es eigentlich sind. Vielleicht ist Deutschland gar nicht so schlecht, wie sein Ruf.