79567981 Ein Interview mit Ali Can – here in Bochum

Ein Interview mit Ali Can

Dunja Hayali
Ein Interview mit Dunja Hayali
Oktober 9, 2017
Thelen
Ein Interview mit Elmar Theveßen
Oktober 24, 2017
 

„Ich würde gerne öfter mit den Pegida-Leuten reden, aber ich kann nicht jede Woche nach Dresden fahren“

Interview mit Ali Can, dem „Asylbewerber Ihres Vertrauens“

– ein Interview von Fayk und Shirawan

Die erste Hotline für sogenannte besorgte Bürger ist eingerichtet worden – jeden Abend hat Ali Can zwei Stunden Telefondienst. Menschen, die über Geflüchtete, Migranten, Muslime, Asylbewerber und deutsche Werte sprechen möchten, können ihn anrufen. Der Lehramtsstudent hört jedem Anrufer geduldig zu, stellt Fragen und gibt Menschen die Möglichkeit, ihren Ärger und ihre Zweifel zu äußern – ohne als Rassist abgestempelt zu werden. Beim Campfire-Festival trat er gleich zweimal auf: in einer Diskussionsrunde und bei der Lesung aus seinem gerade erschienen Buch. Die here-Redakteure Fayk und Shirawan haben ihn vor Ort interviewt.

Ali, warum braucht es eine „Hotline für besorgte Bürger“?
Ich bin der Meinung, wir sollten öfter miteinander reden, ohne uns abzustempeln.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Als immer mehr über Pegida und die AfD gesprochen wurde, wollte ich selbst aktiv werden. Ich wollte mit diesen Leuten sprechen, wissen, warum sie so aufgebracht sind. Also bin zu einer Pegida-Reise aufgebrochen, um das Gespräch zu suchen. Auf einer Veranstaltung sprach einer der Redner über das christliche Abendland und Ostern. Ich hatte einen Schokoladen-Osterhasen in meiner Tasche und ich packte ihn aus. Neben mir stand ein Pärchen, dass anfing zu schmunzeln. Da kam ich ganz spontan auf die Idee, den Osterhasen demonstrativ hochzuhalten, statt ihn zu essen. Plötzlich suchten die Pegida-Anhänger das Gespräch mit mir! Sie fragten, ob das ein Pegida-Hase sei. Plötzlich war ich mitten im Gespräch mit den Leuten. Sie fragten, wo ich herkomme, wollten meine Geschichte hören. Mir gefiel es, mit den Leuten zu sprechen. Ich würde gern öfter mit den Pegida-Leuten reden, aber ich kann nicht jede Woche nach Dresden fahren.

 
 
Hast du selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht?
Rassistische Erfahrungen macht man ja öfter, wenn einem anzusehen ist, dass man nicht hier geboren ist. Habt ihr mal das Video von Clausthal gesehen? Da kam ein Bus mit Geflüchteten und die Leute standen vor dem Bus und haben geschrien. Die Frauen und Kinder im Bus hatten unglaubliche Angst. Ich war total betroffen, als ich das gesehen habe. Was ist das für ein Hass? Danach kam mir die Idee mit der Hotline.

Was ist deine Strategie?
Wir sind ja alle Menschen, egal, wo wir herkommen. Aber es gibt kein Patentrezept für Menschen und für ihre Beziehungen zueinander. Mein Rezept ist das Reden.

Hast du Helfer oder machst du die Hotline alleine?
Grundsätzlich mache ich das alleine. Aber ich habe ein paar Menschen, die mich unterstützen. Aber natürlich kann man immer helfen. Wer Lust hat sich zu engagieren, sollte das unbedingt tun.

Was war der schlimmste Anruf, den du geführt hast?
Es gab einen Anrufer, der hat mich sehr stark beleidigt. Er meinte, er wäre links und weltoffen eingestellt. Er warf mir vor, dass ich mit meiner Hotline rechten Menschen eine Bühne geben würde. Ständig hat er mich beleidigt und nicht einmal versucht, mich zu verstehen.

An welchen Anruf erinnerst du dich gern?
Vor ein paar Monaten habe ich mit einem Mann gesprochen, der gegen Linke gewettert hat. Er kam aus Süddeutschland und ich erzählte ihm, dass ich gern Weißwürstchen esse. Und schon hatten wir eine Gemeinsamkeit gefunden: Er isst auch gern Weißwürstchen und wir sprachen länger darüber. Im Laufe des Telefonats haben wir uns dann über ganz andere Themen unterhalten. Später hat er sich noch einmal gemeldet und mir erzählt, dass er jetzt nicht mehr einfach nur schimpfe, sondern linke und rechte Themen aus kritischer Distanz sehen würde. Weil er mich kennengelernt hat, gäbe es für ihn jetzt nicht mehr „den Ausländer“.

Hilft deine Hotline bei der Integration?
Interkulturelles Leben in Deutschland ist nicht einfach. Im Gegenteil: Es ist mühselig. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich versuche einfach mit den Menschen zu sprechen.

Gab es schon mal eine richtig hitzige Diskussion am Telefon?
Noch nie! Das ist genau das, was ich vermeide. Ich versuche mich dem Anrufer anzupassen und ihn immer ausreden zu lassen. Habt ihr schon mal Kartoffeln gekocht? Wenn der Deckel drauf ist, fängt es an zu brodeln. Nimmt man den Deckel runter, geht der Dampf raus. Und wenn der Dampf abzieht, ist alles plötzlich ganz klar. Wenn man mit mir telefoniert, kann man alles rauslassen. Das tut gut. Ich bin dabei eine Reflektionsfläche. Wenn ich den Anrufern Raum für ihre Probleme und Ängste gebe und ihnen zuhöre, kann ich hinter ihre Parolen blicken.





 
 

„I would like to talk more often with the people from Pegida, but I cannot go to Dresden every week“

Interview with Ali Can – the „asylum seeker whom you can trust“

– an Interview by Fayk and Shirawan

The first hotline for so-called worried citizens has been set up – every evening, Ali Can is on telephone service for two hours. People who want to talk about refugees, migrants, Muslims, asylum seekers and German values can call him. The student, who wants to become a teacher, listens to each caller patiently, asks questions and gives people the opportunity to express their anger and their doubts – without being labeled as a racist. At the Campfire Festival, he took part in two events straight away: in a discussion and a reading from his just published book. The here editors Fayk and Shirwan interviewed him beforehand.

Why do we need a „hotline for worried citizens“?
I think we should talk more often with each other without being labeled.

How did you get the idea?
As more and more people talked about Pegida and AfD, I wanted to become active myself. I wanted to talk to these people, know why they are so upset. So I went on a Pegida trip to start a conversation. At an event one of the speakers spoke about the Christian Occident and Easter. Then the chocolate Easter bunny in my pocket came into my mind and I unwrapped it. Next to me stood a couple who began to smile. Then I spontaneously came up with the idea of holding the Easter bunny up instead of eating it. Suddenly, the Pegida followers started talking to me! They asked if this was a Pegida bunny. Suddenly I was talking to the people. They asked where I came from, wanted to hear my story. I liked talking with the people. I would like to talk more often with the people from Pedgia, but I cannot go to Dresden every week.

 
 
Have you ever experienced racism?
If you look like you are not born here, you quite often experience racism. Have you seen the video of Clausthal? There was a bus with refugees and the people stood in front of the bus and screamed. The women and children on the bus were incredibly afraid. I was totally shocked when I saw this. What kind of hatred is this? Then came the idea with the hotline.

What is your strategy?
We are all human beings. But there is no patent recipe for people and for relationships. My recipe is talking.

Do you have any help or is it just you on the hotline?
Basically, I do it myself. But I have a few people who support me. But of course, you can always help. If you want to get involved, you should do it.

What was the worst call you answered?
There was a caller who insulted me very badly. He said he was left and cosmopolitan minded. He told me that with my hotline, I would give people from the right a stage. He constantly insulted me and did not even try to understand me.

What call do you like to remember?
A few months ago, I talked to a man who railed against the left. He came from southern Germany and I told him I liked to eat Bavarian veal sausages. And we had already found something in common: He also likes to eat Bavarian veal sausages and we talked about it longer. In the course of the conversation, we then talked about quite different things. Later, he called me again and told me that he was no longer just scolding but viewed left-wing topics from a critical distance. Because he got to know me, there was no longer just “the foreigners” for him.

Does your hotline help with integration?/b>
Intercultural life in Germany is not easy. On the contrary, it is laborious. I know this from my own experience. I just try to talk to people.



Was there ever a really hotheaded discussion on the phone?
Never! This is exactly what I avoid. I try to adapt to the caller and always let him talk. Have you ever cooked potatoes? When the lid is on, it starts to seethe. If you take the lid off, the steam goes out. And when the steam disappears, everything is suddenly clear. If you call me, you can let it all out. That feels good. I give people space to reflect on themselves. If I give them room for their problems and fears and listen to them, I can look behind their slogans.